четверг, июня 28, 2012

Was Heimat für Sie bedeutet?

Heimat bedeutet für mich nicht unbedingt einen physischen Ort, und auch keine nationale, regionale oder lokale Idee, mit der ich mich identifiziere, obwohl es auch solche Ideen in meinem Leben gibt. Aber ich glaube, dass es für mich wichtiger ist, zu einer sprachlichen Gemeinschaft zu gehören. Ich meine damit, dass das Gefühl der Gemütlichkeit, das man bekommt, wenn man an seine Heimat denkt, auch – und für mich meistens – aus seiner Sprache entstehen kann. Diese sogenannte Heimatsprache kann die Muttersprache sein, die immer bleibt, auch wenn Reiche und Länder aufhören zu existieren: zum Beispiel, für den Schriftsteller Vladimir Nabokov, der nach der Revolution aus Russland in die „Hauptstadt der russischen Auswanderung“ – nach Berlin – geflohen war, konnte sein Heimatland nicht mit der Sowjetunion zusammenfallen. Seine Heimatstadt, Sankt Petersburg, war in Petrograd und dann Leningrad umbennant worden. Offiziell war Nabokov bis zu dem Zeitpunkt, als er 1945 die amerikanische Staatsangehörigkeit erwarb, ein staatenloser Bürger. Trotzdem hatte Nabokov bis zum Zweiten Weltkrieg seine Romane auf Russisch geschrieben. Für ihn blieb seine Heimat die russische Sprache, die er weiter benutzte und, vielleicht, zum höchsten Niveau der ästhetischen Schönheit und literarischen Vervollkommnung geführt hat.

Die „Hauptstadt der russischen Auswanderung“

Aber die Heimatsprache muss nicht immer unbedingt die Muttersprache sein: für Nabokov war deswegen zwar auch Englisch eine „Heimatsprache“, die er seit seiner Kinderheit sprechen konnte, und zu der er während des Zweiten Weltkriegs zurückgekehrt war, als er in Paris wohnte. Vielleicht war für ihn Englisch ein „imaginäres Heimatland“, bevor es zu einem „adoptierten Heimatland“ geworden war, als Nabokov in die USA umgezogen war. Im Gegensatz zu der „transzendentalen Obdachlosigkeit“, über die Georg Lukács in seiner „Theorie des Romans“ spricht, einer Obdachlosigkeit, die tatsächlich mit dem Verlust der alten Reiche und des alten Europas nach dem Ersten Weltkrieg zusammenhing, steht die Heimatsprache als ein unsichtbares, unerhebliches Land, zu dem man immer zurückkehren kann.